May 302009
 

Ein zweiteiliger Beitrag mit überraschender Wende.

Teil 1: Der Cremespender

(file under: Spiessertum)
Der Spender vorher - und nachher

Der Spender vorher und nachher

Nachdem mir in den 80ern niemals Zahncreme aus dem Spender ins Haus gekommen war, fand sich kürzlich aufgrund eines Tubenengpasses bei dm ein Cremespender im Bad ein. Wer hat diesen Schwachsinn verbrochen? (Antwort: Derjenige, der damals – zurecht – wegen der Zahncremespenderaffäre entlassen worden war).

Schwachsinn, weil:

  • Der Spender mehr Plastikmüll als Inhalt enthält
  • Man nicht feststellen kann, wann das Ding leer ist
  • 50ml Creme deutlich mehr kosten als 75ml in der Tube

Punkt 2 eine Erklärung: Erstens wiegt die Verpackung mehr als der Inhalt. Zweitens ist die einzige Rückmeldung, dass die Creme verbraucht ist, die, dass keine mehr kommt. Von jetzt auf gleich. Binär. Creme für Fatalisten und Computerfreaks.

Die Tube hat hingegen diese softe, analoge Vorwarnung: “Spoootz!”, was soviel heißt wie “Du kannst mich noch ein wenig ausnudeln, solltest aber alsbald über einen Ersatz nachdenken”. Nicht so beim Spender: Der Widerstand wird bockelhart, als sei von jetzt auf gleich der Bremskraftverstärker ausgefallen, und nichts geht (oder kommt) mehr.

Also auch keine Wahl für den Geschäftsreisenden (gleich noch den Haken bei “Professionalism” gesetzt) oder Urlauber: Wer geht mit einem Utensil auf Reisen, dessen enormer Platzbedarf nicht mit dem Füllstand abnimmt, aber das am zweiten Abend im Hotel plötzlich die Funktion einstellt? Oder man steht mit dem Spender an der Sicherheitskontrolle im Flughafen, der diensthabende Kevin (Insiderwitz) sagt “drücken Sie da mal ein wenig Creme raus”, und gerade in dem Moment ist Schluss – da gehen sofort die Sirenen an!

Das Ding ist allenfalls was für Planungsmuffel und Pessimisten: Halbleer oder halbvoll ist nie die Frage – man wird es erst erfahren, wenn es zu spät ist.

Weil ich aber wenigstens wissen wollte, wie die Industrie (oder die Hau(p)tpflege-Mafia) so etwas anstellt, und wie überhaupt die Creme aus dem Spender kommt, hab ich mir den leeren Cremespender vorgenommen – und die Wende in unserer Beziehung eingeleitet.

Teil 2: Schwäbisches Brauchtum im Doppelpack

(file under: Professionalism, Lebenshilfe)

2a. Schbara
2b. Bäschdla

Also dem Spender zu Leibe gerückt. Aufsägen war der erste Impuls (die Mafia gibt ihre Geheimnisse sicher nicht freiwillig preis), aber der Werkzeuggebrauch verbot (verbat, verbietete?) sich: Bei der letzten Demontage dieser Art landete das Werkzeug in meiner Hand, was einen halben Feiertag in der Notaufnahme und eine Naht mit 3 Stichen (5, wenn man die vergeblichen Versuche des AIPs mitzählt – “an der Hand tut die Narkose mehr weh als das Nähen” – Danke!) nach sich zog. Morgen ist Pfingsten – da muss ich nicht in Fischgedärm wühlen, um die Zeichen zu sehen.

Also ohne Werkzeug an den beweglichen Teilen gezerrt, und schon geht der Spenderk(n)opf ab. Das enthüllt die Cremepumpkammer (die Erfinder haben sicher noch Spezialausdrücke dafür) und eine Feder. Ich fühl mich wie James Bond, der die äußere Absperrung der Militärbasis überwunden hat. Da ist gar nicht mal so viel Cremerest drin, das stellt also mein Ökoherz schon einmal zufrieden. Wenigstens die Verschwendung hält sich in Grenzen. Aber wo kam die Creme her?

Unten in der Kammer ist ein Loch. Reinblasen bringt nichts, aber da muss die Creme rausgekommen sein. Also ein Ventil! Damit ist das Prinzip klar: Herunterdrücken des Knopfs presst Creme aus der Kammer in die Welt, und beim Loslassen wird durch den Federdruck Nachschub von unten angesaugt. Hätte ich das erfunden, wäre ich jetzt reich (und würde mich hassen). Aber James Bond muss weiter, in die Schaltzentrale des Bösen. (Das war ja erst die Pumpzentrale des Bösen).

Also noch ein wenig gezerrt, die Fingernägel zu Hilfe genommen, und irgendwann trennt sich auch der silberne Pumpenkopfhalter ™ vom weißen Cremeförderbottich ™+© und gibt den Blick frei auf den Cremevolumenreduktionskolben ©. All diese Spezialbegriffe sind natürlich mit meinem Copyright belegt. Ich schwörs – in zwei Wochen werde ich all diese Begriffe googeln, und wehe, ich bin nicht auf Platz 1!

zerlegt

Spender (z)erlegt

Der CVRK © befindet sich auf der obersten Position, und weist kaum noch Cremereste auf. Ich bin versöhnt, zumindest was die Cremeausbeute dieser Konstruktion angeht.

kolben

Der Kolben lässt sich übrigens ganz einfach wieder nach unten drücken – und das leitet endgültig die Wende ein! Die Cremeentnahme scheint reversibel zu sein, das aktive Hirn setzt blitzschnell Bruchstücke aus der Erinnerung zusammen. War da nicht was im dm?

fuellen

Auf kompatible Creme achten, damit die Düse nicht verstopft!

Der Rest ist Legende und wird irgendwann einmal in den Geschichtsbüchern kommender Generationen auftauchen: Aus der neuen 75ml-Nachfolger-Tube wandern geschätzte 40ml (nicht übertreiben!) in den Kolben, Zusammenbau in umgekehrter Reihenfolge, Funktionstest mit Luftblasenbeseitigung, Creme von der Wand kratzen, FERTIG. Der Spender spendet wieder, hat sich damit sein Gnadenbrot auf dem Alibert-Hof verdient, und die Tube enthält noch tragbare, verbürgte 35ml Creme für den Urlaub nächste Woche.

Wieder ein Regenwald gerettet, die Haut gefettet, und – man erlaube mir zum Abschluss den Scherz – dem Spender sei ein Trullala!

  5 Responses to “Dem Cremespender auf den Grund gegangen”

  1. Noch ein Kommentar in eigener Sache: Das schreit nach Spenderwitzen und Witzspendern

  2. Also… nur so als Tipp: Falls irgendeiner mal ein Profil von Herrn procrastinator zu erstellen hätte (keine Ahnung wieso, vielleicht als Profiler eben, falls man sich irgendwann für diese Profession entschieden hat), dann jedenfalls steckt in diesem Beitrag alles, was dafür nötig wäre.

  3. […] bin ja ein schlichtes Gemüt, und das bezieht sich mitunter auch auf die Körperpflege. Ein Duschgel muss Körperschmutz beseitigen, Platz für neuen schaffen, Gerüche beseitigen und […]

  4. […] der Cremespenden-Aufruf nicht das gewünschte öffentliche Echo erzeugt hat, hier ein weiterer Teil der […]

  5. […] Sache: Den geneigten(*) Leser wird es sicherlich interessieren (**), dass die Cremespende-Aktion eine Fortsetzung erfahren hat. Da das Nachfüllen ja schon Routine ist, hab ich die letzte Aktion […]

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