Dec 162013
 

Lieber Blogger,

Du kennst mich nicht, aber ich kenne Dich, denn ich lese Deinen Blog. Und das mit Vergnügen. Danke, dass es Dich und Deinen Blog gibt. Weiter so! Wäre dies nicht der Fall, hätte ich mir auch nicht die Mühe gemacht, die folgenden Zeilen zu schreiben. Denn ich möchte konstruktive Kritik an einer Kleinigkeit in Deinem Blog üben. Nicht aus Rechthaberei; nicht aufgrund eines falsch verstandenen Perfektionismus*. Auch nicht zur Rettung der deutschen Sprache, denn die verträgt mehr, als man glaubt. Und schon gar nicht aus Neid, weil Deinen Blog Tausende lesen, und meinen nur drei. Wenn überhaupt.

Es geht mir um die Leserlichkeit Deines Blogs. Denn ich lese den gerne, viel und oft, aber häufiger kommt der Lesefluss ins Stocken. Die Selbstbeobachtung beim Lesen zeigt: Es geht um die Zusammen- und Getrenntschreibung**. Genauer, um die grassierende Getrenntschreibung von dem, was eigentlich zusammengehört. Substantive. Komposita. Eben die Getrennt Schreibung.

Zu den möglichen Gründen komme ich weiter unten, hier nur der Effekt: Immer häufiger muss ich in Texten einen Satz zweimal lesen, um seinen Sinn zu erfassen. Und sehr häufig ist die Ursache, dass der Verfasser Substantive trennt, die zumindest mit Bindestrich verbunden gehören, wenn nicht sogar in einem Wort geschrieben. Eben Worte wie Getrenntschreibung. “Verbunden gehören” klingt aber nach einer sturen Regel. Wie wir wissen, sind Regeln da, gebrochen zu werden, weil sie vielleicht auch nicht mehr zeitgemäß sind. Sprache unterliegt einem stetigen Wandel. Geht es mir also nur um den Erhalt von überkommenen Regeln? Definitiv nein! Statt aber zu theoretisieren, nehmen wir zur Erklärung einfach mal einen Satz wie:

(1) Ich habe für die Pferde Äpfel gekauft.

Den Satz versteht jeder auf Anhieb beim ersten Lesen. Warum? Weil wir ihn instinktiv richtig betonen. Das kann jeder selbst an sich feststellen: “Pferde” und “Äpfel” werden gleich stark betont. Eher sogar noch mit Betonung auf “Äpfel”. Wir warten bei Ketten von unverbundenen Substantiven beim Lesen auf das Ende. Auf diese Weise erfasst man auf Anhieb die Trennung zwischen den Satzteilen “für die Pferde” und “Äpfel“. Jetzt aber mal eine Alternative:

(2) Ich habe für die Pferdeäpfel einen Müllsack gekauft.

Unterschied bemerkt? Bei zusammengesetzten Substantiven betonen wir automatisch auf dem ersten Wortteil, weil der der wichtigste, spezifischste Teil des Wortes ist. Das ist aber nur der eigentliche Grund, warum wir das tun. Wichtiger als der Wortsinn ist mir aber der Lesefluss, denn mit der Betonung am Anfang des Worts ist für mich der Satzteil “für die Pferdeäpfel” bereits vorbei. Jetzt das Ganze mal in der neuen Schreibung, die gerade um sich greift***

(3) Ich habe für die Pferde Äpfel einen Müllsack gekauft.

Genau in solchen Sätzen kommt mein Lesefluss ins Stocken. Meine Lesegewohnheiten, aus (1) geschult, lassen mich spätestens bei “einen Müllsack” stocken, denn das passt da vom Sinn nicht hin. Also zurückgespult, und nochmals gelesen mit der Annahme, dass der Schreiber “Pferdeäpfel” meinte, dann passt es. Aber dieses Immer-nochmals-lesen-müssen ist auf Dauer ermüdend. Da muss ich gar nicht so weit gehen, sinnentstellende Konstruktionen ins Feld zu führen (“24 Monate ohne Grund Gebühr“).

Berechtigter Einwand: “Aber die Leute schreiben nun mal so, und in drei Jahren ist das normal“. Das stimmt. Bis dahin habe ich mich auch dran gewöhnt, und lese anders. Aber jeder Schreibende, der sich deshalb gar nicht erst bemüht, akzeptiert stillschweigend, dass in fünf Jahren auch ein Satzbau wie in (1) im Deutschen nicht mehr möglich sein wird. Zuerst werden sich die Leser beklagen, dass es beim Lesen von Beispiel (1) holpert, dann werden die Verfasser auf einen solchen Satzbau verzichten, und im Nu sind wir beim englischen S-P-O-Satzbau******. Ich will niemandem vorschreiben, was er mit der deutschen Sprache anstellt, aber ich kämpfe dafür, auch weiterhin einen variablen Satzbau verwenden zu können.

Unberechtigter Einwand: “Aber die Regeln sind so kompliziert“. Ein für allemal: Sind sie nicht! Im Zweifel einfach immer alle zusammengesetzten Substantive zusammenschreiben****. Wenn man dann selbst aufmerksam liest, stellt man schnell fest, das die Betonung auf dem ersten Wortteil richtig liegt. “Kamera Test” ist “Kameratest”, “Wald Weihnacht” ist “Waldweihnacht” usw. Was ist daran schwer?

Berechtigter Einwand: “Für meine Such­maschinen­optimierung brauche in einzelne Begriffe“. Mal abgesehen davon, dass Google bestens mit der deutschen Sprache zurecht kommt und automatisch Wortteile erkennt, kann man auch immer noch einen bedingten Trennstrich (Soft Hyphen, ­) ins HTML einfügen. Technisch sind das dann zwei Worte, für den Leser nur eines.

Berechtigter Einwand: “Sieht Kacke aus, ist zu lang, ist unleserlich“. Stimmt, aber dafür gibt es ja noch den Bindestrich, der ebenfalls die Betonung beim Lesen leitet. Den bringe ich aber erst als letztes Argument, weil er nur ein Notnagel ist, und beim Binden mit Strich alles durchgängig sein muss (“Dr.-Martin-Luther-King-Weg”). Und er ist schon gar keine Generalabsolution für Designer und Marketingleute, die in ihren Logos und Slogans keine Bindestriche (generell keine Rechtschreibung?) sehen wollen. Ausgerechnet die maßen sich dann im Rahmen der heiligen “Corporate Identity” an, auf die getrennte Schreibweise auch in Fließtexten zu bestehen.

Indem Du, lieber Blogger, getrennt oder zusammen schreibst, trägst Du aktiv zum Sprachwandel oder Spracherhalt bei. Keines von beiden ist besser oder schlechter als das andere. Ich will nur keine Klagen hören, wenn Du für einen Satz wie “Ich habe für eine Zeitschrift Kameras getestet” in fünf Jahren ausgelacht wirst. Das ist in alter Währung dann “Ich habe für eine Zeitschriftkameras getestet”. LOL.

 

Die übl(iche)n Fußnoten:

* Und nicht zur Rettung von dem Genitiv, anderes Thema 🙂
** Vulgo “Deppenleerzeichen”, aber da fällt immer gleich die Klappe runter.
*** Nein, das hat NICHTS mit der neuen Recht Schreibung zu tun. Gar nichts.
**** Bei Verben schon, anderes Thema *****.
***** Oder “zusammen schreiben”?
****** Grund der ganzen Misere ist neben einer generellen Sprach-Verunsicherung vor allem der Amerikaner, mal wieder. Komposita werden im Englischen eben ab und zu mit Bindestrich, in der Regel aber ganz ohne Irgendwas gebildet. Denn die Leute sind es halt so gewohnt, beim Schreiben wie beim Lesen. Aber sie verfügen deshalb auch nicht über einen Satzbau wie in Beispiel (1): “I have for the horse radish bought” geht im Englischen eben nicht.

Sorry, the comment form is closed at this time.