Philips, mein Champion der geplanten Obsoleszenz

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Jan 042014
 

Lange schwelt das Thema “geplante Obsoleszenz” (ab jetzt “g.O.“) bei mir schon, aber heute bricht es sich seinen Weg ins Blog. Wer noch nicht weiß, um was es sich da überhaupt handelt, dem sei folgendes Video ans Herz gelegt:

In dem Beitrag geht es schlicht und einfach darum, dass Produkte so entworfen und produziert werden, dass sie früher als nötig (und als ökologisch vertretbar) kaputtgehen. Dazu gehört auch, dass eine Reparatur so schwer gemacht wird, dass sie wirtschaftlich nicht sinnvoll ist. Folge: Ein neues Produkt muss her, und die Wirtschaft kann auf Wachstum setzen. Ebenso wie die Müllhalden.

Ein bekanntes, neuzeitliches Beispiel war ein früheres Apple-Produkt (iPod, auch im Video erwähnt), bei dem der Akku ziemlich genau nach der Garantiezeit schlapp machte. Bei vielen Geräten wohl auch während der Garantiezeit, so dass Apple einen Rückzieher machen musste, und die Akkus auf Kulanz tauschte. Überhaupt ist die Masche, Akkus fest in Geräte einzubauen, das Paradebeispiel für g.O. Das ist nur ist das übelste Geschäftemacherei, sondern auch gefährlich.

Apple war lange Zeit mein Favorit für die Krone im Obsoleszenten-Reich, aber Philips hat sich die Herrschaft zumindest in meinem Herzen aber nun eindeutig erobert. Anlass: Bei unserem Wasserkocher wurde der Plexiglasdeckel brüchig. Durch Dampf. Bei einem Wasserkocher. Hätte man sich vielleicht denken können, dass der Deckel eines Wasserkochers ab und zu mit Dampf in Berühung kommt. Und mit heißem Wasser.

Wasserkocher Phillips 6770/20

Geplante Obsolenszenz im Deckel?

Ergebnis: Der nicht gerade billige, 3 Jahre alte, ansonsten exzellent funktionierende Wasserkocher wird demnächst ein Loch im Deckel haben. Philips verweist auf die Garantie (keine mehr, hahaha), auf Vertragswerkstätten, die das ganze begutachten sollen, und gesetzliche Regelungen, die den Versand von Ersatzteilen an Endverbraucher untersagen. Ich denke, eine Reparatur in einer Vertragswerkstatt wird den Preis für ein neues Gerät (40 Euro, von WMF) übersteigen*.

Prima, Philips, Ziel erreicht: Statt das Gerät nochmals 3 Jahre zu verwenden, soll ich mir ein neues kaufen? Wenn, dann aber nicht von Euch! Und schon gar nicht für 65 Euro (s.o.)! Denn auch an anderer Front seid Ihr der g.O. verfallen. Beispiel “Sonicare”-Zahnbürsten: Die Gummierung reicht am Griff bis ganz nach unten. Nach einiger Zeit, wenn die Zahnbürste dann noch einwandfrei funktioniert, fängt die Gummierung unten an, sich zu verfärben, und schlecht zu riechen. Warum? Weil sie am Waschbecken gerne mal in einer Pfütze steht. Auch das hätte man voraussehen können. Die Konkurrenz von Braun / Oral-B zieht die Gummierung an ihren Zahnbürsten beispielsweise nicht bis nach unten.

Philips Sonicare Zahnbürsten

Geplante Obsoleszenz am Boden?

Aber wahrscheinlich hat Philips das sogar vorausgesehen: Nach 2 Jahren soll man sich wohl so davor ekeln, sich die verratzte Zahnbürste in den Mund zu schieben, dass man sich eine neue kauft? Ohne mich! Meine Lösung seht Ihr oben: Gummierung teilweise (links) und ganz (rechts) entfernt. Geht auch. Bei der Gelegenheit ist übrigens sogar die Verriegelung des Akkufachs sichtbar geworden. Die war satt eingummiert. Wenn jetzt also der Akku schlapp macht, wird auch der ausgetauscht. Mein Geld bekommen die nicht! Mir stinkt es ohnehin schon, für jeden Bürstenaufsatz knapp 5 Euro zu zahlen. Im Vergleich scheint sogar Druckertinte billig.

Wenn man den oben gezeigten Film genau anschaut, wird man feststellen, dass Philips eine lange Tradition in der g.O. hat. Auch schon im Glühlampen-Kartell mischten sie munter mit. Dabei können Glühlampen auch 100 Jahre und mehr brennen.

Aber wahrscheinlich rege ich mich umsonst auf, denn alle Firmen betreiben g.O. auf breiter Front. Und sei es auch nur, weil sie nicht explizit die Nachhaltigkeit der Produkte im Auge behalten, oder die Möglichkeit der Reparatur dem Design oder einer kostengünstigen Produktion opfern. Wobei letzteres wiederum besonders schmerzt, wenn die kostengünstige Produktion sich nicht im niedrigen Verkaufspreis, sondern in einer hohen Gewinnspanne niederschlägt (Paradebeispiel Apple).

Pauschal kann man ein paar Modeerscheinungen nennen, die generell ein Hinweis auf g.O. zu sein scheinen:

  • Fest eingebaute Akkus
  • Andere fest oder unzugänglich eingebaute Komponenten
  • Gehäuse mit unsichtbarer Verriegelung (Schnapphaken/-nasen statt Schrauben)
  • Alles mit einteiligen Alugehäusen
  • Alles von Apple
  • Alles mit einer gummierten Oberfläche

Bei der hauchdünnen Gummierung auf Kunststoffteilen bin ich besonders kritisch: Während der Garantiezeit ist sie noch ein Handschmeichler. Die Chemie von Gummierungen ist aber wahrscheinlich darauf angelegt, sich genau 731 Tage nach dem ersten Kontakt mit Luft (d.h. nach Entfernung der Schutzfolie) in einen schmierigen Staubfänger zu verwandeln, den niemand mehr anfassen will. Meine Lösung bei einer Logitech-Maus, die mir seit 10 Jahren schon tolle Dienste leistet, seht Ihr zum Abschluss: Nach einer Kratz- und Schleifaktion ist die Maus zwar nicht mehr so schön wie vorher, aber immer noch gut anzufassen. Und sie hat noch ein langes Leben vor sich.

Logotech Notebook-Maus

Gummierung entfernt

* Mittlerweile einen Händler gefunden, der das Ersatzteil für 12 Euro verschickt. Austausch kann ich selbst machen

Trennungsschmerz. Ein offener Brief an Bloggerkollegen.

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Dec 162013
 

Lieber Blogger,

Du kennst mich nicht, aber ich kenne Dich, denn ich lese Deinen Blog. Und das mit Vergnügen. Danke, dass es Dich und Deinen Blog gibt. Weiter so! Wäre dies nicht der Fall, hätte ich mir auch nicht die Mühe gemacht, die folgenden Zeilen zu schreiben. Denn ich möchte konstruktive Kritik an einer Kleinigkeit in Deinem Blog üben. Nicht aus Rechthaberei; nicht aufgrund eines falsch verstandenen Perfektionismus*. Auch nicht zur Rettung der deutschen Sprache, denn die verträgt mehr, als man glaubt. Und schon gar nicht aus Neid, weil Deinen Blog Tausende lesen, und meinen nur drei. Wenn überhaupt.

Es geht mir um die Leserlichkeit Deines Blogs. Denn ich lese den gerne, viel und oft, aber häufiger kommt der Lesefluss ins Stocken. Die Selbstbeobachtung beim Lesen zeigt: Es geht um die Zusammen- und Getrenntschreibung**. Genauer, um die grassierende Getrenntschreibung von dem, was eigentlich zusammengehört. Substantive. Komposita. Eben die Getrennt Schreibung.

Zu den möglichen Gründen komme ich weiter unten, hier nur der Effekt: Immer häufiger muss ich in Texten einen Satz zweimal lesen, um seinen Sinn zu erfassen. Und sehr häufig ist die Ursache, dass der Verfasser Substantive trennt, die zumindest mit Bindestrich verbunden gehören, wenn nicht sogar in einem Wort geschrieben. Eben Worte wie Getrenntschreibung. “Verbunden gehören” klingt aber nach einer sturen Regel. Wie wir wissen, sind Regeln da, gebrochen zu werden, weil sie vielleicht auch nicht mehr zeitgemäß sind. Sprache unterliegt einem stetigen Wandel. Geht es mir also nur um den Erhalt von überkommenen Regeln? Definitiv nein! Statt aber zu theoretisieren, nehmen wir zur Erklärung einfach mal einen Satz wie:

(1) Ich habe für die Pferde Äpfel gekauft.

Den Satz versteht jeder auf Anhieb beim ersten Lesen. Warum? Weil wir ihn instinktiv richtig betonen. Das kann jeder selbst an sich feststellen: “Pferde” und “Äpfel” werden gleich stark betont. Eher sogar noch mit Betonung auf “Äpfel”. Wir warten bei Ketten von unverbundenen Substantiven beim Lesen auf das Ende. Auf diese Weise erfasst man auf Anhieb die Trennung zwischen den Satzteilen “für die Pferde” und “Äpfel“. Jetzt aber mal eine Alternative:

(2) Ich habe für die Pferdeäpfel einen Müllsack gekauft.

Unterschied bemerkt? Bei zusammengesetzten Substantiven betonen wir automatisch auf dem ersten Wortteil, weil der der wichtigste, spezifischste Teil des Wortes ist. Das ist aber nur der eigentliche Grund, warum wir das tun. Wichtiger als der Wortsinn ist mir aber der Lesefluss, denn mit der Betonung am Anfang des Worts ist für mich der Satzteil “für die Pferdeäpfel” bereits vorbei. Jetzt das Ganze mal in der neuen Schreibung, die gerade um sich greift***

(3) Ich habe für die Pferde Äpfel einen Müllsack gekauft.

Genau in solchen Sätzen kommt mein Lesefluss ins Stocken. Meine Lesegewohnheiten, aus (1) geschult, lassen mich spätestens bei “einen Müllsack” stocken, denn das passt da vom Sinn nicht hin. Also zurückgespult, und nochmals gelesen mit der Annahme, dass der Schreiber “Pferdeäpfel” meinte, dann passt es. Aber dieses Immer-nochmals-lesen-müssen ist auf Dauer ermüdend. Da muss ich gar nicht so weit gehen, sinnentstellende Konstruktionen ins Feld zu führen (“24 Monate ohne Grund Gebühr“).

Berechtigter Einwand: “Aber die Leute schreiben nun mal so, und in drei Jahren ist das normal“. Das stimmt. Bis dahin habe ich mich auch dran gewöhnt, und lese anders. Aber jeder Schreibende, der sich deshalb gar nicht erst bemüht, akzeptiert stillschweigend, dass in fünf Jahren auch ein Satzbau wie in (1) im Deutschen nicht mehr möglich sein wird. Zuerst werden sich die Leser beklagen, dass es beim Lesen von Beispiel (1) holpert, dann werden die Verfasser auf einen solchen Satzbau verzichten, und im Nu sind wir beim englischen S-P-O-Satzbau******. Ich will niemandem vorschreiben, was er mit der deutschen Sprache anstellt, aber ich kämpfe dafür, auch weiterhin einen variablen Satzbau verwenden zu können.

Unberechtigter Einwand: “Aber die Regeln sind so kompliziert“. Ein für allemal: Sind sie nicht! Im Zweifel einfach immer alle zusammengesetzten Substantive zusammenschreiben****. Wenn man dann selbst aufmerksam liest, stellt man schnell fest, das die Betonung auf dem ersten Wortteil richtig liegt. “Kamera Test” ist “Kameratest”, “Wald Weihnacht” ist “Waldweihnacht” usw. Was ist daran schwer?

Berechtigter Einwand: “Für meine Such­maschinen­optimierung brauche in einzelne Begriffe“. Mal abgesehen davon, dass Google bestens mit der deutschen Sprache zurecht kommt und automatisch Wortteile erkennt, kann man auch immer noch einen bedingten Trennstrich (Soft Hyphen, ­) ins HTML einfügen. Technisch sind das dann zwei Worte, für den Leser nur eines.

Berechtigter Einwand: “Sieht Kacke aus, ist zu lang, ist unleserlich“. Stimmt, aber dafür gibt es ja noch den Bindestrich, der ebenfalls die Betonung beim Lesen leitet. Den bringe ich aber erst als letztes Argument, weil er nur ein Notnagel ist, und beim Binden mit Strich alles durchgängig sein muss (“Dr.-Martin-Luther-King-Weg”). Und er ist schon gar keine Generalabsolution für Designer und Marketingleute, die in ihren Logos und Slogans keine Bindestriche (generell keine Rechtschreibung?) sehen wollen. Ausgerechnet die maßen sich dann im Rahmen der heiligen “Corporate Identity” an, auf die getrennte Schreibweise auch in Fließtexten zu bestehen.

Indem Du, lieber Blogger, getrennt oder zusammen schreibst, trägst Du aktiv zum Sprachwandel oder Spracherhalt bei. Keines von beiden ist besser oder schlechter als das andere. Ich will nur keine Klagen hören, wenn Du für einen Satz wie “Ich habe für eine Zeitschrift Kameras getestet” in fünf Jahren ausgelacht wirst. Das ist in alter Währung dann “Ich habe für eine Zeitschriftkameras getestet”. LOL.

 

Die übl(iche)n Fußnoten:

* Und nicht zur Rettung von dem Genitiv, anderes Thema 🙂
** Vulgo “Deppenleerzeichen”, aber da fällt immer gleich die Klappe runter.
*** Nein, das hat NICHTS mit der neuen Recht Schreibung zu tun. Gar nichts.
**** Bei Verben schon, anderes Thema *****.
***** Oder “zusammen schreiben”?
****** Grund der ganzen Misere ist neben einer generellen Sprach-Verunsicherung vor allem der Amerikaner, mal wieder. Komposita werden im Englischen eben ab und zu mit Bindestrich, in der Regel aber ganz ohne Irgendwas gebildet. Denn die Leute sind es halt so gewohnt, beim Schreiben wie beim Lesen. Aber sie verfügen deshalb auch nicht über einen Satzbau wie in Beispiel (1): “I have for the horse radish bought” geht im Englischen eben nicht.

Fläche macht im Einzelhandel den Unterschied

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Nov 102013
 

Da schwandroniere ich kürzlich erst über die Zukunft des stationären (Buch-) Handels, und prompt fällt mir kürzlich ein Beweis* für eine meiner Thesen (neudeutsch: USP) in die Hände.

Fläche ist wichtig. Und zwar nicht die Ladenfläche, sondern die Präsentationsfläche. Leute wollen nicht auf Bildschirmen scrollen oder blättern, das ist eine Notlösung für Geräte mit beschränkter Fläche. Dass der Kunde eine flächige Präsentation schätzt, scheint mir dieses Beispiel zu zeigen:

In meinen Augen hat das wenig mit “Sinnlichkeit” und “Anfassen” zu tun, beides ist ja nicht verwirklicht. Ich bin vielmehr der Meinung, die Präsentation auf einer riesigen Fläche, inklusive “Herumlaufen” als Navigationsstrategie durch das Informationsangebot, macht das Angebot besser begreifbar.

Vielleicht liegt hier die Zukunft des Handels, als Waren-Showroom, und nicht unbedingt als Verkaufsstelle (“Point of Decision” statt “Point of Sale”). Die Händler müssen aber dafür sorgen, dass der Kontakt zum Kunden nicht abbricht. Auf den Buchhandel bezogen: Es darf keinen Unterschied machen, ob der Kunde online oder im Laden die Ware aussucht, ob die Ware physisch oder digital vorliegt, oder ob sie sofort mitgenommen oder geliefert wird. Der Händler muss alle Kombinationen ohne Brüche bedienen.

Verliert beispielsweise der Händler nach dem Verlassen des Ladens den Kontakt zum Kunden, wird der im Zweifelsfalle zuhause die Ware bei A*ma*on ordern. Es bringt auch nichts, den Kunden zu einem bestimmten Verhalten erziehen zu wollen. Es muss auch möglich sein, im Laden ein Buch auszusuchen, als eBook zu kaufen, zu bezahlen, und bei der Rückkehr findet sich das eBook auf dem heimischen Rechner.

* Ich nenne das jetzt einfach mal so

Die Zukunft des stationären Holz-/Buchhandels

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Aug 312013
 

Den ersten Post seit fast einem Jahr verdankt Ihr einer Kausalkette, wie sie bei Übersprungshandlungen nur zu häufig ist. Eigentlich sollte ich die Wohnung aufräumen. Habe aber keine Lust, und dazu ist noch massig Zeit. Statt dessen mache ich aber was Nützliches. Was mir auch noch Spaß macht. Was mir schon lange auf der Seele liegt und im Hirn spukt. Gegen was aber vor allem auch die Auftraggeberin und Nutznießerin des Wohnungsaufräumens auf keinen Fall was haben kann.

Auslöser sind zwei Dinge: Erstens eine Flugreise mit nur wenigen analogen Büchern, aber einem e-Reader (Killerfrage zur Entscheidungsfindung angesichts 23 kg Gepäck: “Mehr Bücher oder mehr Schuhe?”). Zweitens diese Kampagne hier: 100 Gründe zum Besuch einer Buchhandlung von Lovelybooks.

Geschätzte 80% der 100 Gründe haben mich so auf die Palme gebracht, dass sich mein Frust hier nun einen Weg bahnen muss. Obwohl ich auch schon einen Post geschrieben habe zur Bedeutung des gedruckten Buches, bekam ich nach dem dritten oder vierten “weil ich den Geruch von gedruckten Büchern liebe”-Kommentar das kalte Grausen. Vorweg für die, die es nicht wissen können: Mir liegt der stationäre Buchhandel (wie auch das Verlagswesen und der professionelle Journalismus) sehr am Herzen. Vom Buchhandel bin ich sogar in vielerlei Hinsicht abhängig. Gerade deshalb hier ein paar wohlgemeinte, wenn auch subjektive Gedanken zur Zukunft des stationären Buchhandels.

Stichworte “Abhängigkeit” und “Geruch”: Von Buch-Schnüffel-Junkies kann kein Händler leben. Viele der Argumente für das gedruckte Buch wurden sicherlich zur einen oder anderen Zeit für die Musikkassette, die Vinyl-Schallplatte, den Super8-Film, VHS-Kassetten, die Schriftrolle und das Papyrus (von der Steinplatte ganz schweigen) vorgebracht. Angesichts der Aufzählung frage ich mich ernsthaft, warum die Verfechter immer das Kommunikationsmittel (Schrift, Film, Ton) automatisch an das technische Medium (bedrucktes Papier, Zelluloid, Vinyl …) koppeln. Zugegeben, “Buch” meint das Papierding mit den Seiten.

Aber, oder gerade deshalb, liebe Buchhändler, meine Bitte: Hört bitte auf, Eure Zukunft an den Verkauf kleingeschnittener Bäume zu hängen! Davon wird man sicherlich auch in ferner Zukunft noch leben können, ebenso wie man vom Vertrieb von Vinylschallplatten leben kann. Es wird aber eine Nische werden. Wie groß? Keine Ahnung. Trotzdem werden die Leute weiterhin Geschichten lieben, und zu einem großen Teil sogar lesen wollen (mit Buchstaben und so).

Also: Vergesst mal für einen Moment das ganze Buchstaben-auf-Papier-Gedöns (trotz guter Argumente)*. Besinnt Euch darauf, was wirklich Eure Stärken sind:

  • Die Fläche
    Wieviel Monitore und/oder Mausklicks braucht man, um einen einzigen Blick auf ein gut gefülltes Belletristik-Regal zu ersetzen? Wie übersichtlich ist im Vergleich zu einer 300qm-Buchhandlung die Startseite von a*az*n?
  • Die Vorauswahl
    Ja, eine Buchhandlung hat nicht alles vorrätig. Deshalb gehe ich dort hin. Weil kluge Menschen vorher viel Zeit investiert haben, um das Gute vom Schlechten zu trennen.
  • Beratung mit Menschenkenntnis
    Im Idealfall kennen mich diese klugen Menschen, und ich kenne sie. Dann empfehlen sie mir mit höchster Sicherheit genau das, was mich auch interessiert und erfreut. Das ist besser als “Leute, die dieses Buch gekauft haben, haben auch einen Stabmixer gekauft”.

Für mich ist die Buchhandlung der Zukunft kein Logistikunternehmen für bedrucktes Papier, sondern ein Beratungs- und Handelsunternehmen für buchstabenbasierte Kulturgüter jeglicher Art. Der Buchhandel der Zukunft betreibt primär keine Holzlager mehr, sondern lokale Ausstellungs- und Beratungsräume für den e-Book-Erwerb. Jetzt muss man nur die Bezahlung für die eigentlichen Leistungen vom Holzverkauf trennen.

Fangt schon einmal damit an. Jetzt ist noch Zeit.

 

* Genauso doof ist es, das e-Book mit dem Vertrieb / Verkauf über das Internet zu verbinden
** Hurra, eine Fußnote!
*** Wo ich gerade dabei bin: “Zeitung” heißt für mich “Professioneller, bezahlter Journalismus” und nicht “10 Quadratmeter schlechtes Papier”
**** Noch einer: “Verlag” ist für mich primär kein Logistikunternehmen, sondern Autoren-Entwicklungshilfe und das letzte Bollwerk gegen Deppenlehrzeichen und -apostrophen

Opel-Sanierungsmaßnahmen leicht gemacht

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Jul 222012
 

Never say never, sag ich da nur, aber das hier muss auch noch raus:

Lese ich doch in der Zeitung (ja, analog), dass sich Opel von 500 Managern trennen will (fette Abfindung inklusive). Das alleine ist ja nicht bemerkenswert, sondern die Zahlen am Rande: Von 40.000 Opel-Mitarbeitern sind 12.000 Führungskräfte!

Jetzt sitze ich ja in Bezug auf das Führungskräfte-zu-Mitarbeiter-Verhältnis selbst “so was von” im Glashaus (2:1), aber ein Kommentar muss doch erlaubt sein. Besonders angesichts der erschreckenden Tatsache, dass die weitaus meisten Autos meines jungen Lebens Opels waren (2x Kadett C, Rekord E, Astra H, Astra J). Das Schicksal der Firma liegt mir ein wenig am Herzen.

So kam es gestern bei einer lockeren Plauderei zu einer schnellen Musterrechnung in Excel. Denn wenn man davon ausgeht, dass 28.000 Opelaner wirklich am Band stehen und etwas arbeiten, dann sollte man doch recht schnell das Führungskräfte-zu-Mitarbeiter-Verhältnis (FMV) ausrechnen können. Und daraus auch die Anzahl der Hierarchieebenen.

Nach einigem Rumprobieren kam folgendes raus:

Ebene Mitarbeiter
1 28000
2 8408
3 2525
4 758
5 228
6 68
7 21
8 6
9 2
10 1
Gesamt 40017

Das heißt: Die 40.000 Opelaner lassen auf ein FMV von 1 : 3,33 schließen. Nochmal: EINE Führungskraft führt im Schnitt DREI plus ein Drittel Leute. Damit ist zwar noch nicht gesagt, ob diese Führungskraft selbst was arbeitet oder nur kräftig führt, aber die Zahl kommt mir schon arg schmal vor. Geht man auch noch von erhöhten Gehältern und Ansprüchen aus, möchte ich nicht Opel mit diesen 12.000 Führungskräften sanieren müssen.

Ebenso bemerkenswert ist die Tatsache, dass (wenn man mal die Ebenen 8-10 als gesamten Vorstand rechnet) die mittlere Führungshierarchie aus 6 Ebenen besteht! Wie lange kann das wohl dauern, bis da Entscheidungen gefällt und kommuniziert werden? Das ist in meinen Augen eine institutionalisierte Stille Post, wenn Ihr mich fragt. Kein Wunder, wenn sich immer wieder Opelaner in den Medien beklagen, dass Sie Entscheidungen erst aus der Presse erfahren.

Deshalb meine Gegenrechnung mit einem FMV von 1 : 8. Ich denke, keine Führungskraft ist durch die Führung von acht Untergebenen überfordert, oder?

Ebene Mitarbeiter
1 28000
2 3500
3 438
4 55
5 7
6 1
Gesamt 32000

Wieder unter der Annahme, dass die Ebenen 5 und 6 den Vorstand darstellen, halbiert das die Anzahl der mittleren Führungsebenen von 6 auf 3, und reduziert die Mitarbeiter-Zahl um 8.000 (=> “Führungskräfte” :evil:). Bei einem durchschnittlichen Führungskräftegehalt von angenommenen 75.000€  sind das mögliche Einsparungen von 600 Millionen Euro im Jahr (abzüglich der Millionen für Price, Berger & Young). Und v0r allem: Wenn meine Vorstellungen von den Opel-Strukturen auch nur annähernd zutreffen, läuft der Laden ohne diese Führungskräfte nachher besser.

Leider wird kaum eine(r) dieser 8.000 Führer(innen) freiwillig auf Status / Gehalt / Scheffsessel verzichten und sich ggf. wieder ans Band stellen. Genauso werden die anderen, verbleibenden 4.000 vorbeugend über ihre Arbeitsbelastung klagen (“3 Mitarbeiter waren schon viel, aber der Herr Drittel, der hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Noch mehr geht einfach nicht”). Ich fürchte, Opel wird sich nur über eine Pleite sanieren können.

Schade, gute Autos.

May 142011
 

Euer Fachblog für Gesundheit und Körperpflege warnt:

Achtung Quereinsteiger!

Elmex limitierte Auflage

Ich will Zahncreme-Verleger werden

Eine Zahnpasta-Auflage? Einem Buch(-handels)-affinen Menschen gehen da natürlich sofort ein paar Gedanken durch den Kopf.

Schaut bitte mal nach, welche Auflage Eurer Zahncreme Ihr verwendet. Wenn es die Erstauflage oder gar eine limitierte sein sollte, auf keinen Fall auf die Zähne bürsten, sondern sammeln! Sowas ist mal einen Haufen Geld wert.

Ich mache mir hingegen Sorgen, ob die aktuelle Auflage meiner Zahncreme demnächst vergriffen sein wird. “Der Zahncreme-Verlag plant aber eine Neuauflage”, wird es dann heißen – vielleicht als Taschentube?

Ich lass mich einfach vom Herbstprogramm überraschen. Notfalls kann ich meine Zahnpasta ja auch antiquarisch erwerben.

Ramsauer senkt die Schwelle für den Führerscheinentzug auf 10 Punkte

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Apr 302011
 

Sehr geehrter Dr. Ramsauer,

der Presse entnehme ich heute, dass Sie sich für eine Anhebung der Punkteschwelle für den Führerscheinentzug von 18 auf 20 Punkte ausgesprochen haben bzw. diese erwägen. Korrigieren Sie mich, wenn dies nicht stimmen sollte – die Presse schreibt viel.

Sollten diese Berichte aber wahr sein, so bitte ich Sie, mir als Ihrem Arbeitgeber (Wähler/Bürger) den Sinn genau dieses Vorschlags zu erläutern. Von selbst komme ich leider nicht darauf, was das bringen soll.

Als (Firmenwagen-) Fahrer mit 35.000 km/Jahr und 3 (natürlich unverdienten! 🙂 ) Punkten in Flensburg war ich bisher der Meinung, dass 18 Punkte nur von Unverbesserlichen zu erreichen sind. Eine Haltung wie “wenn man viel fährt, kann man eben Punkte gar nicht vermeiden” konnte ich noch nie nachvollziehen, zumindest nicht bei 18 Punkten. Auch ich komme meist pünktlich in meine Termine, ohne gewohnheitsmäßiges Rasen. Wenn ich bei meiner Annahme falsch liegen sollte, wäre ich über bessere Informationen dankbar.

Ob hinter der Ansammlung von 18 oder mehr Punkten nun eine vorsätzliche Mißachtung der Verkehrsregeln, notorische Unachtsamkeit, miserable Fahrkünste, ein Suchtproblem oder andere Motive stehen, kann ich nicht beurteilen. Alle Motive, die mir einfallen, stellen jedoch eine – wiederholte! – Gefährdung des Straßenverkehrs dar, und rechtfertigen in meinen Augen einen Führerscheinentzug. Zudem dieser ja auch nicht aus heiterem Himmel kommt, sondern mit langer Vorwarnzeit und der Möglichkeit zum einem Punkteabbau.

Vor diesem Hintergrund kann ich nur Mutmaßungen anstellen, was eine solch marginale Erhöhung der Schwelle von 18 auf 20 Punkte bewirken soll. Eine Vermutung: Sie wollen in der Öffentlichkeit ein Signal setzen. Welche Wirkung Sie da erzielt haben, zeigt mein Schreiben. Ansonsten kann ich nur vermuten, dass Sie in Ihrem engeren oder weiteren Bekanntenkreis jemanden kennen, der gerade bei 15, 16 oder 17 Punkten steht, keine Lust auf Nachschulungen hat, und sich von Ihnen einen Freischuss wünscht. Aber damit gehen die Spekulationen schon zu weit – genausogut könnte ich vermuten, es handele sich um Ihren eigenen Fahrer.

Unter dem Eindruck dieser Überlegungen möchte ich Sie bitten, mir dies alles zu erklären, oder sich meine Forderung zu eigen zu machen, die Schwelle von 18 auf 15 Punkte zu senken. Die öffentliche Wirkung einer solchen Maßnahme wäre deutlich positiver, die faktische Wirkung genauso marginal, da sie auch nur Wiederholungstäter trifft, und ich würde wieder an das Gute im Menschen glauben.

Herzliche Grüße,

Jan 152011
 

Welcome back!

Achtung, jetzt kommt eine Zahlenwüste!

An dieser Stelle fragt sich heute ein Konsument, warum/ob nicht schon ein tapferer Verbraucherverband die aktuelle MediaMarkt-Kampagne “1000 Artikel zum Einkaufspreis” abgemahnt hat. Meiner Meinung nach ist das entweder eine faustdicke Lüge, oder  die Media-Markt-Einkäufer sind rattenschlecht. Urteilt selbst.* Vorab noch: Hier geht es nicht um Winzbeträge, sondern um Differenzen im zig-%-Bereich!

Die Vorgeschichte: Diverse Vorkommnisse elektronischer Art haben mir in letzter Zeit bewiesen, dass diejenigen bescheuert sind, die elektronische Geräte vor Weihnachten kaufen. Nach Weihnachten stehen regelmäßig die Saturns und Mediamärkte mit Schnäppchen voll, für die vor Weihnachten eigens die Preise angeboben wurden. Die Internet-Preise sind da ein guter Maßstab, weil sie eher einem transparenten Wettbewerb entspringen.

Beispiel: Gerät A** ist im Internet für (wenigstens) 369,- zu haben, das etwas kleinere Modell immer noch für 269,-. Als Saturn es für 199,- bewirbt, kann man getrost zuschlagen. Gerät B** kostet im Internet mindestens 329,-, bei Media Markt im Einkaufspreis 282,uepz***. Da nimmt man denen sogar den “Einkaufspreis” ab – besonders angesichts der Tatsache, dass der reguläre Preis bei MM (“so macht man billig”) stolze 449,- beträgt.

Aktuell nun Gerät C** für 244,uepz im Einkaufspreis. Ein Schnäppchen angesichts der regulären Auszeichnung des Gerätes mit 399,- im Regal nebenan. Mag man meinen. Hätte man das Gerät nicht vor 2 Tagen bei einem anderen Mediamarkt, keine 30km entfernt, zufällig in einer “Aktion” für einen “Verkaufspreis” von 199,- (regulär: 299,-) gesehen.

Wie niedrig der Einkaufspreis eigentlich sein mag, kann man nach einer Preisrecherche im Internet ahnen. Da wird dasselbe Gerät für ganze 149,- plus Versand feilgeboten. Entweder sollten sich die MM-Einkäufer also einen neuen Job suchen, oder beim “Einkaufspreis” handelt es sich um übermäßiges Anlocken. Eine solche Mischkalkulation aus überteuertem Regulärpreis, echten und vermeintlichen Schnäppchen sorgt zumindest dafür, dass unterm Strich ein Gewinn rauskommt.

Auszeichnungen auf der Homepage:  “9,5 billiger als im Internet” und “Händler des Jahres 2010”. Ein Schelm …. Kein Einkauf mehr ohne meinen Anwalt, äh, Preisvergleich im Internet.

“Mediamarkt – die halten mich für blöd”.

* Ich möchte gar nicht erst das Phänomen “morgens beworben, und um 11:00 ist der (einzige) Artikel weg” ansprechen. Ebenso soll dies davon handeln, dass sich Leute von günstigen Preisen zum Kauf eines untauglichen Gerätes verleiten lassen.
** Namen den Redaktion bekannt.
*** uepz = und ein paar Zerquetschte. Nachkommastellen entsprechen der Psychologie des Einkaufspreises, obwohl ich keinen Einkäufer kenne, der nicht gerne runde Einkaufspreise vereinbart.

Sep 032010
 

Der “Comedian” Dieter Nuhr war bei mir immer in latent hohem Ansehen, was sicherlich teilweise aus meiner Unwissenheit herrührt. Ich schau mir “Comedy” nicht gezielt an. Herr Nuhr hat aber bei den wenigen Begegnungen mit der einen oder anderen schlauen Pointe und seinem verschmitzten Grinsen einen eher positiven Eindruck hinterlassen.

Die Fallhöhe war also nicht unbeträchtlich. Den Absturz hat er nun in meinen Augen hinter sich. Er hat dabei auch gleich noch den Boden der Gleichgültigkeit auf dem Weg in die Tiefen der Verachtung durchschlagen.

Der Grund: Herr Nuhr hat wohl ein “iPhone”. Und Herr Nuhr mehrt sein Ansehen (bzw. ruiniert es – man kann das halt nicht steuern) in den “Social Media”, also im “Web 2.0”. “Herr” Nuhr “twittert”.*

Ich bin ihm dafür überaus dankbar. Sein überaus populäres Engagement (über 60.000 Schäflein) illustriert in idealtypischer Weise alles, was an Twitter falsch ist. Der Soll-Ist-Vergleich legt es an den Tag.

Soll:

Ein Schaffender (Medien-, Entertainment-, Informations-, …) hat Einfälle, Informationen, Materialien. Er prüft, optimiert, bewertet, testet, formuliert, verdichtet, kritisiert, veredelt, verwirft, optimiert sie. Das Ergebnis lässt er mir zuteil werden – gerne auch gegen Geld.

Ist:

N. hat einen Einfall. Er twittert ihn gleich. 60.000 iPhone-Nutzer unterbrechen ihre Tätigkeit.***

Ich habe lange über ein besseren Vergleich nachgedacht, aber rausgekommen ist immer nuhr etwas aus dem Fäkalbereich. Gleichwohl: Twitter kommt mir vor wie ein Darmvirus**, der den Qualitäts-Schließmuskel lahmlegt. Am Ende kommt keine wohlgeformte Pointe zum passenden Zeitpunkt raus, sondern laufend dünnflüssiger Humordurchfall.****

Da gibt es auch eine schöne Grundregel dazu:

Less is more

* Wo, das soll jeder selbst rausfinden, ich werde dahin nicht verlinken. So weit kommt das noch …
** Nein, ich werde hier nicht versuchen, eine “Comedy”-Pointe zu bringen, um mich zum besseren “Comedian” aufzuschwingen. Zumindest hab ich mir diesen Artikel aber lange überlegt.
*** Die Einzige, die hiervon profitiert, ist vermutlich Frau N. Früher hat er ihr wahrscheinlich immer seine “witzischen” Einfälle gleich mitgeteilt. Wer ihm wohl das iPhone geschenkt hat? 👿
**** vgl. Logorrhoe