RAW vs. JPEG: Vor- und Nachteile

 

Um es vorweg zu nehmen: Ich bin zum RAW-Fotografierer konvertiert. so dass es mir schwer fällt, groß die Nachteile des RAW-Formats hervorzuheben.

Es fällt mir aber mindestens ebenso schwer, anderen Leuten die Unterschiede, Vor- und Nachteile zu beschreiben – besonders, wenn es sich um Laien handelt. Da scheine ich nicht alleine zu sein. Eine kurze Untersuchung der Google-Top-Platzierungen zum Thema “vorteile von raw gegenüber jpeg” fördert Erklärungen zu Tage, die zu technisch, irreführend, oder beides sind. Trotzdem hier mal ein paar Links:

Der letzte Link ist symptomatisch, Zitat:
Die Wagendächer und auch insgesamt die Farbnuancen erscheinen bei RAW klarer. Schärfeunterschiede im Endprodukt sind nicht zu erwarten, trotzdem das rechte jpg Bild scheinbar schärfer aussieht
Mit solchen Wischiwaschi-Erklärungen animiert man niemanden, seine Digitalkamera mal auf das Rohdatenformat umzustellen – und sie da vielleicht sogar zu lassen. An dieser Stelle deshalb der Versuch einer einfachen und generellen Erklärung, und eine Aufgliederung in die für mich 4 wesentlichen Folgen daraus. Diese werde ich demnächst auch noch ausführlicher erläutern.

Was ist der Unterschied zwischen JEPG- und RAW-Format?

Dazu muss man etwas über die Computergeschichte wissen. Über die Jahre haben die Entwickler es geschafft, dass Computer (-bildschirme) immer mehr Farben darstellen konnten. Das klingt heute absurd, aber von der reinen Schwarz/Weiß-Darstellung mussten sich Computer mühsam von anfangs 4 über 16 und 256 unterschiedliche Farben bis zu den heute üblichen 16 Millionen vorarbeiten.

Diese 16 Millionen Farben ergeben sich, wenn man die 3 Grundfarben Rot/Grün/Blau mit jeweils 256 Helligkeitsstufen untereinander mischt. Sie wurden nicht umsonst “True Color” genannt, denn das menschliche Auge kann bei so vielen Farben fast keine einzelnen Farbabstufungen mehr unterscheiden. Damit werden Bilder auf heutigen Bildschirmen mit 16 Millionen unterschiedlichen Farben (“24 Bit Farbtiefe”) hinreichend realistisch dargestellt. Das reicht den Computerentwicklern, denn mehr Farben heißt auch mehr Speicherbedarf. Deshalb beschränkt man sich auf das, was für die meisten Menschen ausreichend ist.

Seitdem sich die Fähigkeit, “True Color” anzuzeigen, selbst auf den billigsten Handys verbreitet hat, scheint deshalb alles perfekt zu sein. Denn der Mensch kann ja in der Regel ohnehin nicht mehr Farben wahrnehmen, und kaum ein Gerät kann mehr Farben anzeigen. So ist es auch nur konsequent, dass sich das JPG-Format allgemein durchgesetzt hat, welches genau diese 16 Millionen Farbtöne separat speichern kann. Mehr braucht kein Mensch, oder?

Doch, braucht er. Er weiß es bloß nicht. In der Natur gibt es natürlich viel mehr Farben und viel mehr Helligkeitsunterschiede, als man in ein JPEG mit seinen 16 Millionen Farben packen kann. Auch der Mensch kann mehr wahrnehmen, indem er beispielsweise seine Blickrichtung und die Größe seiner Pupillen verändert, und sich dann aus mehreren Einzeleindrücken ein Gesamtbild in seinem Kopf zusammensetzt.

Wenn man nun ein JPEG-Bild aufnimmt, steht die Kamera vor der Aufgabe, das Licht, welches mit buchstäblich Billionen von unterschiedlichen Farben und Helligkeiten aus der Umgebung auf den Sensor trifft, sofort in 16 Millionen Farben umwandeln zu müssen. Die Kamera muss also spontan entscheiden, welcher Ausschnitt der Realität gespeichert wird. Dunkle Person vor hellem Himmel: Soll man da eher die Person erkennen, oder die Wolken? Beides zusammen kann man nicht in einem JPEG festhalten. So betrachtet sind 16 Millionen Farben nicht mehr viel.

Hier kommt nun RAW ins Spiel. Das löst nicht alle Probleme, aber mildert sie. Eine Digitalkamera “sieht” nämlich einen größeren Helligkeitsumfang, als in ein JPEG passt (je nach Umständen 20-30%), und unterscheidet auch mehr Farben (Faktor 4000 oder mehr!). Das ist immer noch nicht alles, was von außen an Licht in die Kamera kommt, aber besser als ein JPEG. Vor allem gilt aber: Nicht die Kamera entscheidet vor Ort endgültig, was im JPEG landet, sondern verschiebt das auf später. Das ist die Krux an den RAW-Daten: Man muss nachbearbeiten.

Denn am Ende braucht man doch wieder Bilder in 16 Millionen Farben, um sie mit gängigen Endgeräten (Fernsehern, Bildschirmen) anzuzeigen. Der Vorteil eines RAW-Bildes ist aber, dass man am PC gemütlich aus den üppig vorhandenen Rohdaten genau den Farb- und Helligkeitsausschnitt ins JPEG stecken (“das Bild entwickeln”) kann, der dem ursprünglichen Bildeindruck vor Ort an nächsten kam. Was also gemeinhin als nachträgliche “Bildkorrektur” dargestellt wird, ist nichts anderes als eine Selektion aus den redundanten Bilddaten, welche die Kamera ursprünglich eingefangen hatte. Es wäre schade, diese Auswahl der Kamera-Elektronik zu überlassen, und deren Sicht der Realität ein für allemal in JPEG-Daten einzubetonieren.

Hier nun nochmal aus meiner Sicht die Vorteile des RAW-Formats

  • Detailliertere Farbauflösung (Stichwort: 12-16 Bit pro Farbe, statt 8 Bit): Erläuterung
  • Größerer Dynamikumfang in den Daten (Je nach Kamera und Objektiv bis zu 3 Blendenstufen)
  • Keine zusätzliche, verlustbehaftete Komprimierung der Datenmenge
  • Weniger / keine sonstige Veränderung der Daten durch die  Kamera (Schärfung etc.)

 

  3 Responses to “RAW vs. JPEG: Vor- und Nachteile”

  1. […] RAW vs. JPEG: Vor- und Nachteile […]

  2. Lieber Procrastinator
    Super danke für die verständliche Einweisung.

    Du hast mehr angekündigt, bin gespannt wie es weiter geht …
    Welche Software empfiehlst du für die Nachbearbeitung? Sie soll ja für “Normalanwender” doch eher (fast) kostenlos sein.

    Bis demnächst wenns weiter geht.
    Schöne Grüße vom Blog-Beobachter

  3. Weitergehen – ich will die 4 (ursprünglich waren es 5, der letzte fällt mir vielleicht noch ein – Tipps?) Punkte noch besser illustrieren. Mir ist auch jetzt erst klar geworden, dass es beispielsweise einen Unterschied gibt zwischen Dynamikumfang und Farbauflösung.

    Software: Alles, was die Kamera intern macht, kann auch der jeweilige RAW-Konverter des Kameraherstellers. In der Regel sogar mit den Voreinstellungen. Wenn ich beispielsweise meine RAWs der Sony-Kamera durch den Sony-Konverter jage, bekomme ich dasselbe JPEG, wie es die Kamera produziert. Allerdings kann ich da noch nachträglich unterbelichtete Bilder retten etc.

    Danke für die Frage – das hat mir nochmals vor Augen geführt, was genau der Unterschied ist. Empfehlen würde ich derzeit Lightroom 3 von Adobe. Da ist es dann witzig zu beobachten, dass mit den Standardeinstellungen das entwickelte Bild in der Regel besser ist als das JPEG aus der Sony-Kamera. Das zeigt, dass Adobe die Rohdaten aus meiner Kamera besser mit meinen Erwartungen in Einklang bringt als Sony selbst

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