Die Zukunft des stationären Holz-/Buchhandels

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Aug 312013
 

Den ersten Post seit fast einem Jahr verdankt Ihr einer Kausalkette, wie sie bei Übersprungshandlungen nur zu häufig ist. Eigentlich sollte ich die Wohnung aufräumen. Habe aber keine Lust, und dazu ist noch massig Zeit. Statt dessen mache ich aber was Nützliches. Was mir auch noch Spaß macht. Was mir schon lange auf der Seele liegt und im Hirn spukt. Gegen was aber vor allem auch die Auftraggeberin und Nutznießerin des Wohnungsaufräumens auf keinen Fall was haben kann.

Auslöser sind zwei Dinge: Erstens eine Flugreise mit nur wenigen analogen Büchern, aber einem e-Reader (Killerfrage zur Entscheidungsfindung angesichts 23 kg Gepäck: “Mehr Bücher oder mehr Schuhe?”). Zweitens diese Kampagne hier: 100 Gründe zum Besuch einer Buchhandlung von Lovelybooks.

Geschätzte 80% der 100 Gründe haben mich so auf die Palme gebracht, dass sich mein Frust hier nun einen Weg bahnen muss. Obwohl ich auch schon einen Post geschrieben habe zur Bedeutung des gedruckten Buches, bekam ich nach dem dritten oder vierten “weil ich den Geruch von gedruckten Büchern liebe”-Kommentar das kalte Grausen. Vorweg für die, die es nicht wissen können: Mir liegt der stationäre Buchhandel (wie auch das Verlagswesen und der professionelle Journalismus) sehr am Herzen. Vom Buchhandel bin ich sogar in vielerlei Hinsicht abhängig. Gerade deshalb hier ein paar wohlgemeinte, wenn auch subjektive Gedanken zur Zukunft des stationären Buchhandels.

Stichworte “Abhängigkeit” und “Geruch”: Von Buch-Schnüffel-Junkies kann kein Händler leben. Viele der Argumente für das gedruckte Buch wurden sicherlich zur einen oder anderen Zeit für die Musikkassette, die Vinyl-Schallplatte, den Super8-Film, VHS-Kassetten, die Schriftrolle und das Papyrus (von der Steinplatte ganz schweigen) vorgebracht. Angesichts der Aufzählung frage ich mich ernsthaft, warum die Verfechter immer das Kommunikationsmittel (Schrift, Film, Ton) automatisch an das technische Medium (bedrucktes Papier, Zelluloid, Vinyl …) koppeln. Zugegeben, “Buch” meint das Papierding mit den Seiten.

Aber, oder gerade deshalb, liebe Buchhändler, meine Bitte: Hört bitte auf, Eure Zukunft an den Verkauf kleingeschnittener Bäume zu hängen! Davon wird man sicherlich auch in ferner Zukunft noch leben können, ebenso wie man vom Vertrieb von Vinylschallplatten leben kann. Es wird aber eine Nische werden. Wie groß? Keine Ahnung. Trotzdem werden die Leute weiterhin Geschichten lieben, und zu einem großen Teil sogar lesen wollen (mit Buchstaben und so).

Also: Vergesst mal für einen Moment das ganze Buchstaben-auf-Papier-Gedöns (trotz guter Argumente)*. Besinnt Euch darauf, was wirklich Eure Stärken sind:

  • Die Fläche
    Wieviel Monitore und/oder Mausklicks braucht man, um einen einzigen Blick auf ein gut gefülltes Belletristik-Regal zu ersetzen? Wie übersichtlich ist im Vergleich zu einer 300qm-Buchhandlung die Startseite von a*az*n?
  • Die Vorauswahl
    Ja, eine Buchhandlung hat nicht alles vorrätig. Deshalb gehe ich dort hin. Weil kluge Menschen vorher viel Zeit investiert haben, um das Gute vom Schlechten zu trennen.
  • Beratung mit Menschenkenntnis
    Im Idealfall kennen mich diese klugen Menschen, und ich kenne sie. Dann empfehlen sie mir mit höchster Sicherheit genau das, was mich auch interessiert und erfreut. Das ist besser als “Leute, die dieses Buch gekauft haben, haben auch einen Stabmixer gekauft”.

Für mich ist die Buchhandlung der Zukunft kein Logistikunternehmen für bedrucktes Papier, sondern ein Beratungs- und Handelsunternehmen für buchstabenbasierte Kulturgüter jeglicher Art. Der Buchhandel der Zukunft betreibt primär keine Holzlager mehr, sondern lokale Ausstellungs- und Beratungsräume für den e-Book-Erwerb. Jetzt muss man nur die Bezahlung für die eigentlichen Leistungen vom Holzverkauf trennen.

Fangt schon einmal damit an. Jetzt ist noch Zeit.

 

* Genauso doof ist es, das e-Book mit dem Vertrieb / Verkauf über das Internet zu verbinden
** Hurra, eine Fußnote!
*** Wo ich gerade dabei bin: “Zeitung” heißt für mich “Professioneller, bezahlter Journalismus” und nicht “10 Quadratmeter schlechtes Papier”
**** Noch einer: “Verlag” ist für mich primär kein Logistikunternehmen, sondern Autoren-Entwicklungshilfe und das letzte Bollwerk gegen Deppenlehrzeichen und -apostrophen